…und draußen werden die Böllereien immer schlimmer, jetzt sind sogar schon die ersten Feuerwerke zu sehen. Bilde mir ein, dass die Leute früher minimal disziplinierter waren – zwar böllerte es auch schon vorher, aber doch nicht so am laufenden Band wie hier.
Während ich lese und auf Mitternacht warte, versuche ich (wie immer) mich ein bisschen mehr zu entspannen, den Angstring irgenwie zu lösen. Wie immer ohne Erfolg. Ich bilde mir ein mir vorzustellen zu können, wie sich das anfühlen würde, wenn die Angst auf einmal wegginge, stelle mir das als ein prickeln vor, wie wenn man mit kalten Füßen ins Warme kommt.
In dem Buch das ich lese, wurde die hauptfigur gerade telefonisch vom Tod seiner Vaters benachrichtigt. Wenn meine Mutter jetzt sterben würde, fände ich daran furchtbar, dass sie stürbe, bevor ich es zu irgendwas gebracht habe. damit meine ich scheinbar nicht so was wie „einen guten Job“, denn den hab ich ja (auch wenn er mir keinen Spaß macht). Irgendwie komme ich mir immer verfehlt, falsch, deformiert, wie ein Abklatsch vor.
Solange ich denken kann ist Leben an sich eine furchtbare Herausforderung, die sich jeden Tag aufs Neue stellt und nie irgendwo hinführt. Und die Angstkrämpfe machen das deutlicher als es je zuvor war. Oops! ich sehe gerade, dass es nur ein oder zwei Minuten vor 12 ist. Mein Freund hatte vor Mitternacht nochmal anrufen wollen, das wird er dann wohl nicht mehr tun. Tja. Draußen donnerts wie in einem Krieg.
Ich würde mich gerne einfach hinweg schleichen aus diesem Leben, einfach gehen. Ich hab Angst vor dem Älter werden, weil ich bald nur noch verbitterter werden kann. Knapp die Hälfte meines Lebens hab ich schon hinter mir, aber ein wenig glücklich zu werden scheine ich nicht zu schaffen. Trotz meines Freundes (dem ich allerdings aber auch nicht die Last für mein Glücl aufbürden kann, das muss ich schon selber tun). Hab mal wieder Angst, dass meine Hoffnungslosigkeit ihn einmal ganz vergrätzt. Ichweiß auch nicht, warum sich irgendjemand mit mir würde abgeben wollen.
Schlimmer ist noch, dass ich weiß, dass es anderen Menschen auch so geht. Die Freundin, die ich gestern traf, nimmt seit Jahren Antidepressiva und in viel von ihrem Verhalten meine ich Strategien, die ich verwende, wieder zu erkennen. Z.B. Telefone frühzeitig abzubrechen um zu vermeiden, dass Leerstellen auftauchen. Und obwohl ich das weiß und das sehe, kann ich ihr auch nicht helfen. Und obwohl wir ähnliche Probleme haben und uns vermutlich beide nach echtem nahen menschlichen Austausch sehnen, kann ich ihr den auch nicht bieten.
Denke daran, dass mein Freund jetzt irgendwo steht und andere Menschen umarmt.
Edit: Uff. Mein Freund hat eben angerufen. Gott sei Dank. Und ich hab mich wohl wieder kalt wie ein Fisch benommen und tatsächlich auch das Telefonat abgewürgt. Ich bin einfach eine unglaublich unbegnadete Telefoniererin:-((((